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Zwang
Suzanne Clothier: “ Vielleicht ist das Traurigste und Ironischste daran, dass der Hund von allen, die wir möglicherweise benutzen, um uns zu schützen oder zu beruhigen, der Einzige ist, der unbeirrbar vor unseren dunkelsten Geheimnissen und schmerzhaftesten Wunden steht und uns trotzdem liebt und uns immer wieder vergibt, dass wir menschlich sind. ”
“...Wenn eine enge Beziehung angestrebt wird, öffnen wir die Tore für Streit und Konflikt. Durch die Natur der Beziehung zwischen Menschen und Hunden haben wir das Bedürfnis geschaffen, dem Hund unseren Willen aufzudrängen, wenn auch nur aus dem Grund, dass unsere moralische Verpflichtung, den Hund vor den Gegebenheiten der tierischen Natur zu schützen, die mit Einschränkungen der oft höchst unnatürlichen menschlichen Welt kollidieren. Wir machen uns möglicherweise einer besonder schweren Form der Grausamkeit schuldig (vielleicht der schlimmsten aller Grausamkeiten, da es eine Perversion und eine Verweigerung unserer Verpflichtungen bedeutet), wenn wir nicht tun, was nötig ist, um die Sicherheit des Hundes zu gewährleisten. Wenn wir unsere Verpflichtung jedoch als moralische Rechtfertigung nutzen, um Konflikte zu lösen, indem wir etwas oder alles “zu deinem eigenen Besten” tun, haben wir mögliche Grausamkeit nicht ausgeschlossen, sondern Einbeziehung praktisch sichergestellt... ...Wir haben zwei grundlegende Möglichkeiten für den Versuch, Konflikte in Beziehungen zu lösen: Überzeugung oder Zwang. Überzeugung ist nur dort möglich, wo Freiheit besteht. Wenn ich bereit bin, jede der möglichen Entscheidungen des anderen zu akzeptieren, kann ich bei meinem Versuch, den anderen dazu bekommen, dass er tut, was ich möchte, pure Überzeugungskraft einsetzten. Überzeugung enthält keine Elemente der Grausamkeit - Überzeugung enthält die Freiheit beider Beteiligten, und in dieser Freiheit liegt tiefer Respekt, selbst bei Uneinigkeit. Wenn der Hund tatsächlich die Möglichkeit hat, “nein, danke” zu sagen, und wir wirklich bereit sind, diese Antwort zu akzeptieren, dann hadelt sich um Überzeugung... Doch Überzeugung hat Grenzen, besonders im Zusammenhang mit unserer Rolle als Beschützer und Pfleger kann sie scheitern. In einigen Situationen kann Zwang gerechtfertigt sein, besonders wenn es gefährlich oder sogar tödlich sein kann, wenn nicht auf eine bestimmte Art reagiert oder gehandelt wird... In dem Augenblick, in dem wir beginnen, die Möglichkeiten des Hundes einzuschränken, wenn “nein” keine akzeptable Reaktion mehr ist, überzeugen wir nicht mehr, sondern zwingen unseren Willen auf. Das Wörtebuch definiert Zwang als - die Einschränkung oder Beherrschung durch Aufhebung des eigenen Willens; - zu einer Handlung oder einer Wahl zwingen; - durchsetzen oder verursachen durch Gewalt oder Androhung von Gewalt. Zwang umfasst die ganze Skala von leichter Einschränkung (körperlich oder psychisch) bis zu körperlichem Angriff, doch immer bedeutet es, einem anderen in gewisser Hinsicht die völlige Freiheit zu verweigern. Obwohl Zwang die Möglichkeit von Grausamkeit enthält, ist sie nicht gleichbedeutend damit. Vielleicht ist es hilfreich zu bedenken, dass Hunde untereinander ebenfalls (körperlichen und psychischen) Zwang anwenden. Egal wie wir liebevoll sind, egal wie human wir unsere Hunde behandeln, irgendwann einmal haben wir keine Möglichkeit außer Zwang. Wir können Hunden nicht human die völlige Freiheit bieten, nur das zu tun, was sie möchten, genauso wenig wie liebevolle Eltern Kindern erlauben können, nur das zu tun, was sie möchten. Irgendwann geben wir dem Hund keine Möglichkeit, etwas anderes zu tun, als das, was wir von ihm möchten oder was er unserer Meinung nach tun muss. Auf irgendeine Weise werden wir dafür sorgen, indem wir den Hund für eine tierärztliche Untersuchung sanft zurückhalten, indem wir einfach eine Leine und ein Halsband benutzen, um ihn daran zu hindern, ein Eichhörnchen zu jagen, oder indem wir ihm unsere Aufmerksamkeit entziehen, um zu verdeutlichen, dass sein Verhalten unakzeptabel ist. Egal wie sanft wir den Zwang anwenden, unabhängig davon, von wieviel Liebe und guten Absichten unsere Einschränkung der Freiheit eines anderen begleitet wird, unsere Handlungen bedeuten Zwang. Es gibt Zeiten, in denen die einfache Verpflichtung, der Halter und Beschützer eines Hundes zu sein, dem Drang, den Bedürfnissen, Wünschen und sogar den Instinkten eines Hundes widerspricht. Wie wir den unausweichlichen Konflikt zwischen uns und dem Hund handhaben, wie wir Zwang anwenden, ist die Frage. Hier betreten wir einen schwierigen Bereich. Grausamkeit zeigt ihre hässliche Fratze nicht in Momenten der Übereinstimmung; nur wo Konflikte bestehen, kann Grausamkeit entstehen. Ein Freund von mir hat einmal gesagt, dass Verärgerung nicht möglich ist ohne ein Ziel. Kein Ziel - keine Möglichkeit für Verärgerung oder Wut. Ich habe lange darüber nachgedacht und festgestellt, dass, egal wie bescheiden oder unwichtig das Ziel ist, sobald ich etwas habe, was ich möchte, ein Ergebnis, das ich mir mehr als andere Ergebnisse wünsche, die Möglichkeit für Ärger oder Wut entsteht. Weiter auf der Skala entsteht sogar die Möglichkeit der Grausamkeit, wenn ich gewillt bin, mein Ziel um jeden Preis zu verfolgen, selbst auf Kosten eines anderen Lebewesens. Wir verfolgen unsere Ziele möglicherweise nicht skrupellos. Doch ein Ziel zu formulieren und es anzustreben, schränkt unsere Perspektive zusätzlich ein; mit unserem Ziel vor Augen vergessen wir möglicheweise den Hund neben uns... Trotz unangenehm solider Kenntnisse, wie Tiere im Namen des Trainings misshandelt werden, bin ich fasziniert von dem, was zwischen einem Menschen und einem Tier möglich ist. Ich weiß, was es bedeutet, mit einem Tier als Partner ein Ziel zu verfolgen, und ich weiß, wie einfach es ist, mit einem Wunsch vor Augen unverwandt gebannt ein Ziel anzuvisieren und den Blick für das sehr reale Tier an meiner Seite zu verlieren. Trotzdem ist das Anstreben hervorragender Leistungen ein gutes und edles Bestreben, das fragt: “Was könnte sein? Was wäre möglich? Wie weit können wir gehen?”... ...Obwohl wir uns bei dem Gedanken an Zwang als Teil der Beziehung möglicherweise unbehaglich fühlen, müssen wir ihn bei dem Streben nach einer humanen, liebevollen Behandlung für ein Wesen, das uns wichtig ist, berücksichtigen. Manchmal haben wie vielleicht nur die Möglichkeit, die Unterwüfigkeit des Hundes zu erzwingen. Doch selbst in diesen Momenten, in denen wir vollständige Freiheit eines anderen Wesens nicht berücksichtigen können, müssen wir seine Weigerung als wertvolle Kommunikation ansehen, die in unseren Überlegungen berücksichtigt wird und unsere Handlungen beeinflussen kann. Wenn wir Zwang anwenden - egal wie sanft - und einen schnellen Erfolg damit haben, kann es vielleicht zu einer Selbstzufriedenheit führen, die wir nicht empfinden sollten. Selbstzufrieden hören wir vielleicht auf - immer, erbarmungslos, im Namen der Liebe - nach Wegen zu suchen, wie wir ohne Zwang die Zustimmung des Hundes erlangen; solche Wege gibt es häufig, obwohl sie möglicherweise mehr Aufwand für uns bedeuten. Wenn wir nicht gewillt sind, uns mehr Mühe zu machen, um ein humaneres Ergebnis zu erzielen, müssen wir uns das ehrlich eingestehen, dürfen unser Verhalten nicht als Notwendigkeit entschuldigen. Zwang ist ein verhängnisvoller Weg und egal in welchen variierenden Maßen wir ihn anwenden, eröffnet er Möglichkeiten (führt jedoch nicht zwangsläufig dazu) für Grausamkeiten. Daher müssen wir sehr vorsichtig vorgehen und uns klar darüber sein, auf welcher Seite des Zauns wir uns befinden: überzeugen oder zwingen wir? Zwang mag unausweichlich ein Teil des Lebens sein, aber er muss nicht Grausamkeit bedeuten, besonders dann nicht, wenn wir immer den Hund im Auge behalten...”
Aus dem Buch:
Suzanne Clothier, “Würde das Gebet eines Hundes erhört, es würde Knochen vom Himmel regnen” (ISBN 3-936188-15-7) ©2002
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